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Alarm in Leipzigs Kiffer-Szene: Schon 19 akute Bleivergiftungen nach Marihuana-Konsum

Bleivergiftungen sind in Deutschland selten geworden. Wo immer es ging, wurde das giftige Schwermetall aus dem Alltag verbannt. Bleiwasserrohre werden ausgetauscht, verbleites Benzin abgeschafft, bleihaltige Farben aus den Märkten genommen. Über 15 Jahre lang gab es in Leipzig keine Bleivergiftung mehr. Und nun das: Gleich 19 Leipziger kamen mit akuten Bleivergiftungen in medizinische Behandlung. Und mittlerweile ist klar: Der gemeinsame Nenner heißt Marihuana.

Oder Cannabis. Das war noch nicht klar, als die Leipziger Kripo im August zum ersten Mal seit undenklichen Zeiten mit einem Fall von Bleivergiftung zu tun bekam. Da im direkten Umfeld des Patienten keine mögliche Bleiquelle gefunden wurde, wurde die Staatsanwaltschaft eingeschaltet. Sie ermittelt bis heute. Doch seit ein paar Tagen öffnet sich die Szenerie, häufen sich die Einlieferungen von Patienten mit akuter Bleivergiftung.
“Mit so etwas hatte praktisch keiner unserer Ärzte seit Jahren mehr zu tun”, sagt Prof. Dr. med. Michael Stumvoll, Direktor der Medizinischen Klinik und Poliklinik III des Universitätsklinikums Leipzig. Mancher Arzt war zurecht verwirrt: Die Symptome einer akuten Bleivergiftung ähneln denen einer Entzündung im Bauchbereich: blasse Hautfarbe, Magen-Darm-Beschwerden, schwere Bauchkrämpfe, langsamer Puls, hoher Blutdruck. Wenn diese Patienten dann operiert werden, stehen die Chirurgen vor einem Rätsel: Sie können nichts finden. - Doch mittlerweile sind sie gewarnt: 19 Patienten mit akuter Bleivergiftung sind in Leipzig in den letzten Wochen eingeliefert worden. Und mittlerweile hat die Kriminalpolizei den gemeinsamen Nenner gefunden: Alle Betroffenen waren Konsumenten von Marihuana bzw. Cannabis.

Ein bislang eizigartiger Fall in Deutschland: Rückfragen beim BKA brachten nichts Vergleichbares zu Tage. Die Wahrscheinlichkeit, das irgendein Dealer im Leipziger Raum den “Stoff” mit Blei versetzt hat, um ihn möglicherweise schwerer und damit teurer zu machen, ist hoch. Ob es so ist, kann die Kriminalpolizei noch nicht mit Sicherheit sagen. “Wir haben die Proben, die wir bekommen haben, zur Untersuchung ans BKA eingesandt”, sagt Rainer Bock, Erster Kriminalhauptkommissar und Leiter des Rauschgiftkommissariats der Polizeidirektion Leipzig. Ein Ergebnis lag in den gestrigen Mittagsstunden schon vor: Es ist Blei enthalten. Wie und in welcher Konzentration es in das Marihuana kam, muss noch ermittelt werden.
Was für die Polizei viel wichtiger ist, ist die Ermittlung der Quelle für das verseuchte Marihuana. “Hier liegt eindeutig der Tatbestand der gefährlichen Körperverletzung vor”, sagt Staatsanwalt Ricardo Schulz. “Und ich kann die Betroffenen nur dringend bitten, uns Hinweise zu geben.” Dass er von Strafverfolgung absehen könne, will und darf er nicht versprechen. Geht aber davon aus, dass Konsumenten, die bislang nicht straffällig wurden, mit Rücksicht rechnen könnten.
Dr. Bodo Gronemann, Leiter des Gesundheitsamtes, ist noch viel wichtiger der Hinweis darauf, dass der “Genuss” des kontamierten Mariuhanas extrem gesundheitsschädlich sei. Genau da liegt nämlich die Tücke: Bleitröpfchen schmelzen bei 327,43 Grad Celsius und verdampfen bei 1.750 Grad. Das heißt: Wer das Kraut raucht, nimmt das Blei direkt über die Lunge auf. Es wird sofort vom roten Blutfarbstoff Hämoglobin aufgenommen und in allen Körpergeweben abgelagert. Zur akuten Bleivergiftung kommt dann sehr schnell auch noch die chronische Vergiftung.
“Und das hat das Krankheitsbild für uns besonders schwierig zu erkennen gemacht”, sagt Stumvoll. “Die akuten Symptome überlagerten sich mit den chronischen.” Die eingelieferten Patienten hatten zum Teil Blutbleiwerte, die um ein Vielfaches über dem gesetzlichen Grenzwert von 100 Mikrogramm je Liter lagen. Grenzwerte im Bereich des Arbeitsschutzes liegen bei 300 Mikrogramm. “Wir haben teilweise weit über 2.000 Mikrogramm gemessen”, sagt der Arzt. “Und das sind Werte, bei denen auch die klassischen Symptome nicht mehr anwendbar sind.”
Lehrbücher beschreiben schwere Krankheitsbilder für Bleivergiftungen mit 800 bis 1.000 Mikrogramm je Liter. Was dann für viele Patienten heißen wird, dass sie auf Monate und Jahre mit den Folgen der Vergiftung zu kämpfen haben werden. Blutarmut, Hirn- und Nervenschädigung sind einige Folgen der chronischen Bleivergiftung, sehr leicht sind auch die Nieren überfordert und der Patient muss dauerhaft ans Dialysegerät. Blei ist nicht wasserlöslich, darauf weist Stumvoll besonders hin. Das heißt: Das Blei baut sich im Körper nicht von allein ab. Nur mit speziellen Medikamenten kann der Betroffene das Blei nach und nach aus dem Körper kriegen.
“Wer also Symptome hat oder Angst, dass er bleivergiftetes Marihuana konsumiert hat, sollte sich nicht scheuen, schnellstmöglich zum Arzt zu gehen und dort auch anzugeben, dass er Marihuana geraucht hat”, sagt Gronemann. Und wer sich das nicht traue, aber trotzdem Gewissheit haben wolle, der könne seinen Bleiwert im Blut auch im Gesundheitsamt ermitteln lassen. Der Test koste 22 Euro und sei selbstverständlich anonym. Und wer glaubt, bleihaltiges Marihuana zu besitzen, könne das jederzeit abgeben bei Ärzten, in Apotheken, im Gesundheitsamt, bei der Polizei oder bei der Staatsanwaltschaft. Jede Probe kann helfen, die Quelle zu finden.
Da ähnliche Fälle aus anderen Ländern Europas bislang nicht publik sind, kann der Verursacher der Angelegenheit durchaus in Sachsen heimisch sein. Das prüfe man gerade, sagt Rainer Bock. Immerhin sei mittlerweile deutlich, dass es neben den klassischen Schmugglerrouten über Marokko und Spanien auch heimische “Plantagenbetreiber” gebe, die in Kellern, abgelegenen Lagerhallen oder Gewächshäusern hochgezüchtete Cannabisplantagen anlegten. Der THC-Anteil, der die Droge besonders gefährlich mache, sei längst vier Mal so hoch wie noch vor wenigen Jahren.
Ein Problem, das längst auch die Suchtberatungsstellen der Stadt Leipzig beschäftigt: 300 Cannabis-Abhängige sind dort mittlerweile registriert. Und das sind die Betroffenen, die freiwillig Hilfe suchen und allein nicht mehr aus der Sucht finden. “Und bei Cannabis ist es wie beim Alkohol”, sagt Sylke Lein, Suchtbeauftragte der Stadt Leipzig. “Fünf Prozent der Konsumenten etwa werden süchtig.” Was in den Beratungsstellen auftaucht, ist dann wirklich nur noch die Spitze des Eisbergs. Umso schlimmer sind Nachrichten, die davon ausgehen, dass das Eintrittsalter in den Cannabis-Konsum bei 15 Jahren liegt und mittlerweile jeder zweite Jugendliche Kontakt zu der Droge hat oder hatte. “Und”, betont Sylke Lein, “die Konsumenten dieser Droge sind nicht wirklich problembewusst.”

Quelle:   Leipziger Internet Zeitung

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