Jeannot Lucchi erinnert an… Falco, der vor zehn Jahren starb.

Er starb wie James Dean. Auf einer Kreuzung. Und genauso wie sein Idol muss er den heranrasenden Bus, den heranrasenden Tod in der letzten Sekunde seines Lebens noch wie einen Schock wahrgenommen haben. «Seine Augen waren weit aufgerissen, seine Pupillen vor Angst enorm gross, der Mund war noch offen», beschreibt ein Augenzeuge die letzten Gesichtszüge von Hans Hölzel. «Wenn ich schon mal früh sterben sollte», sagte Falco 1982 in einem Interview, «dann wie James Dean - auf einer Kreuzung, im Porsche. Zack. Aus.» 16 Jahre später sass er im Mitsubishi Pajero, fuhr mit Vollgas, aber rückwärts, vom Parkplatz auf eine Landstrasse der Dominikanischen Republik, übersah einen von links kommenden Autobus. Es war der 6. Februar 1998 – zwei Wochen vor seinem 41. Geburtstag.

Die Umstände seines Todes gleichen der Suche nach seiner Persönlichkeit. Niemand kennt die Antwort. Die Kellnerin des Lokals, von dessen Parkplatz Falco losgebraust war, lieferte innert 24 Stunden zwei völlig unterschiedliche Versionen. Sicher ist, dass Maribel Baldez, die letzte war, die Falco lebend gesehen hat. Gegenüber mehreren Zeugen soll sie unmittelbar nach dem Unfall gesagt haben, dass Falco schwer alkoholisiert im Lokal sass und sie sich weigerte, ihm weiter Hochprozentiges zu verkaufen. Ihre zweite Darstellung: «Mir ist aufgefallen, dass da einer draussen im Auto sass und ins Leere starrte. Entweder war er verwirrt, deprimiert oder betrunken. Seine Haare waren total zerzaust. Er wirkte traurig, stieg aber eine Stunde lang trotz der Hitze nicht aus seinem Jeep aus.» Der Ausländer sei mit nacktem Oberkörper und schwarzen, kurzen Shorts in seinem Mitsubishi gesessen. «Bis er plötzlich Gas gab und davonrasen wollte.»

Bei der Obduktion wurden ein Blutalkoholwert von 1,5 ‰ und grosse Mengen an Kokain sowie Marihuana nachgewiesen. Welchen Wert hat aber in einem solchen Land schon ein offizieller Bericht? Ein Insider: «Für zehn Dollar kriegst du hier jede Antwort von den Behörden, die du haben willst. Für hundert Dollar geben sie dir’s auch noch schriftlich.»

Kurzzeitig kam das Gerücht auf, Falco hätte den Tod gesucht, der Unfall sei seine Art Selbstmord gewesen. Tatsächlich steckte der Star voller Widersprüche. Auf der einen Seite die Kunstfigur Falco: neurotisch, exzessiv, abgehoben. Auf der anderen der private Hansi Hölzel: sensibel, verletzlich, liebenswert. Doch sein Problem hieß Jack Daniels im Kombipack mit Kokain & Tabletten. Die drei hatten ihn schon von frühester Jugend an begleitet. Original-Zitat: «Ich war auf allem was es an Drogen gibt. Ich war nie ein Ministrant, dafür oft ein Knecht meiner selbst». Oder: «Wer sich an die Achtziger erinnern kann, war nie dabei». Vielleicht hat die Tatsache, dass er von drei Frauen als Einzelkind aufgezogen wurde, eine gewisse Bedeutung. Und die Umstände seiner Geburt, die ihn stark an seine Mutter band. Maria Hölzel wurde im dritten Schwangerschaftsmonat mit einem Blutsturz in die Frauenklinik eingeliefert. Sie verlor die beiden Zwillinge. Als der Arzt am nächsten Tag eine weitere Schwangerschaft feststellte, traute sie ihren Ohren nicht. Aber sie hatte tatsächlich eigentlich Drillinge! Der dritte war Falco! Er starb wie James Dean – er wurde geboren wie Elvis (dessen Zwillingsbruder ebenfalls tot geboren wurde)!

Ende 1980. Damals war der 23-jährige Bassist der Wiener Schock-Rock-Truppe Drahdiwaberl die theatralische Performances machte. Das waren alles Freaks mit starkem Hippie-Einschlag, Falco dagegen hatte das Image, mit dem er berühmt werden sollte, schon beisammen: Pikfeiner Anzug, zurück gegelltes Haar, verächtlicher Gesichtsausdruck, aber unglaublich charismatisch und mit einer arrogante, nasale Stimme, die er bei seiner Solonummer Ganz Wien zu Gehör brachte: «Den Schnee, auf dem wir talwärts fahren, kennt heute jedes Kind.» Ein Kumpel aus jenen Tagen: «Er hat Sex, Drugs und Rock ‘n’ Roll gelebt - im Versace-Anzug.» Falco wurde also nicht – wie andere Stars – von Managern und PR-Menschen «gemacht» – Falco hatte sich selbst erfunden! Aber damals hatte er schon jahrelang mit der Tanzcombo Spinning Wheel getourt – hatte das Geschäft von der Pike auf gelernt. Richtig los ging es jedoch erst mit Der Kommissar. Dann kamen die beiden Alben, Einzelhaft und Junge Römer und schliesslich Falco 3 mit Rock Me Amadeus (in den Staaten eine Nummer 1) und Jeanny. Das Lied wurde 1985 als dritte Single des Albums veröffentlicht und erreichte Anfang 1986 – auch dank Radioboykott - für acht Wochen Spitzenpositionen in den Charts. Falco damals: «Wenn sich jemand in meinen Weg stellt, da zünd I’ mir a Zigaretten an und blos’ ihn um.» Er habe schon auch ein arrogantes Arschloch sein können, sagt sein ehemaliger Manager.

Im Jahre 1987 zog sich Falco von der Öffentlichkeit weitgehend zurück. Eine gute Autostunde von Wien entfernt, kaufte er eine Jugendstilvilla mit rund 4.000 Quadratmeter Garten. Ende 1987 veröffentlichte er die Single «Body next to Body», die er gemeinsam mit der Dänin Brigitte Nielsen aufgenommen hatte Das Duett war Berechnung, wie Falco später gestand: «Mit ihr wollte ich nie in die Hitparade, mit ihr wollte ich nur ins Bett!» Der Erfolg der Single blieb aus – offensichtlich hat er beide Ziele erreicht…… Am 17. Juni 1988 heiratete Hans Hölzel Isabella Vitkovic heimlich in Los Angeles. Nicht einmal die wichtigste Frau in seinem Leben, seine Mutter, wusste davon. Falco: «Ich habe sie nur wegen des Kindes geheiratet.» Das Album «Wiener Blut» kam im Spätsommer des Jahres 1988 heraus - die Verkaufszahlen blieben weit hinter den Erwartungen zurück. Die geplante Europatournee musste mangels Publikumsinteresse abgesagt werden. Im November 1988 war Falco völlig am Boden: Seine LP ein internationaler Flop, seine Tournee abgesagt, seine Alkoholprobleme schon längst unheilbare Sucht und seine Ehe am Scheitern - er bricht aus. Viereinhalb Monate lang wusste niemand, wo er sich befand. Nach seiner Rückkehr packte Hans Hölzel 3,8 Millionen Schilling in einen schwarzen Koffer, fuhr nach Graz und stellte seiner Ehefrau die entscheidende Frage: «Geld oder Ehe?» - Die Antwort war klar, 1989 erfolgte die einvernehmliche Scheidung. Die Ehe hatte ganze 309 Tage gedauert.

Er versuchte, sich mit Frauengeschichten, Alkohol und mit nächtelangem Feiern im späteren Rotlichtmilieu zu retten. Nur nicht allein sein! Doch Falco war nicht für eine Dauerbeziehung geschaffen. In einem seiner Texte sagt er: «Die Frau, die mich erträgt, muss erst geboren werden. Bitte komm zur Welt!»

Es war Ende 1995, als Falco erstmals in die Dominikanische Republik reiste. Er war so begeistert, dass er im Herbst 1996 mit seiner ganzen Habe in eine schneeweisse 300-Quadratmeter-Villa mit Pool und Blick auf die Bucht Cofresi zog. Hans Hölzel wollte dem Rummel in Wien entfliehen: «Endlich nicht mehr Szenen-Star sein, sondern einfach der Hans». In Wahrheit suchte Falco in der Karibik vor allem ein Leben ohne Schulden, ohne Depressionen - und die Hoffnung auf Liebe. Im einem Strip-Club, lernte er die 22jährige Caroline Perron kennen - und verliebte sich Hals über Kopf. Falco damals: «Ich komm’ langsam in ein Alter, wo man sich nicht mehr allzu viele Spiele leisten sollte. Ich habe Angst vor der Einsamkeit.» Ein Jahr lang ging alles gut. Doch eine Woche vor seinem 40. Geburtstag, an dem er die Verlobung bekanntgeben wollte, flüchtete Caroline Hals über Kopf von der Insel - und kam nie wieder. Seine nächste Liebe wurde die 28jährige Dominikanerin Selina Vinas: «Sie vertreibt mir die Zeit und hat unbestreitbare Qualitäten. Ein Macho bleibt eben selten allein.» Auch nur ein Strohfeuer. In der Karibik vereinsamt, kam er zurück nach Österreich, hatte eine heftige Affäre mit der Szene-Lady Karin Lackner, traf danach seine neue Liebe Andrea, nahm sie mit in die Dominikanische Republik, schwärmte - wieder einmal - von Heirat. Schon nach wenigen Wochen kam es zum Streit. Andrea flog ab. Wieder hatte ihn seine Traumfrau verlassen. Wieder war er auf seiner «Flucht-Insel» alleine zurückgeblieben. Zehn Tage vor dem Tod. Und da war sie wieder – die grosse Depression. «Falco kann nicht allein sein», sagt seine Ex-Lebensgefährtin Sylvia Wagner: «Wenn er einsam ist, trinkt er noch mehr.» Oder er setzte sich in seinen Jeep und fuhr stundenlang über die Strassen der Insel. Und: «Einmal g’spritzt, dann wieder klar» (Falco’s Text im Song America!)

Im Herbst des Jahres 1993 mußte Hans Hölzel wohl den schwersten Schicksalsschlag seines Lebens erfahren. Weil er schon lange Zweifel an seiner Vaterschaft von Katharina Bianca hegte, (die kürzlich ein Buch herausgab!), entschied er sich zu einem Test. Das Ergebnis war eindeutig: Hans Hölzel war nicht der Vater.

«Wenn ich morgen meinem Gott gegenüberstehe, kann ich sagen: Ich bin unschuldig. Ich habe niemanden was getan, ich habe niemanden gelegt, ich habe niemanden betrogen, ich habe niemanden wehgetan, ausser mir selbst. Und das wird er mir hoffentlich verzeihen……….»

Jeannot Lucchi

Quelle: stadt24.ch 

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