Eine Studie von neuseeländischen Wissenschaftlern, die in der Februarausgabe des European Respiratory Journal veröffentlicht wurde, befasste sich mit einem möglichen Zusammenhang zwischen Cannabiskonsum und Lungenkrebs. Dazu befragten die Forscher an Lungenkrebs erkrankte Personen und eine nicht an Krebs erkrankte Kontrollgruppe und verglich dann die Prävalenz von Krebs nach Alter, Geschlecht und Konsumgewohnheiten (Tabak, Alkohol, Cannabis) und Konsumverhalten.
Die Studie wurde in zahlreichen Zeitungsartikeln zitiert und zwar vor allem zwei Ergebnisse davon:
- Das relative Lungenkrebsrisiko war bei den intensivsten Cannabiskonsumenten 5,7-mal so hoch als bei Nichtkonsumenten von Cannabis. Ihr Gesamtkonsum gemessen in Jointjahren, d.h. durchschnittlich täglich gerauchte Joints mal Jahre des Konsums, lag im oberen Drittel der von Patienten berichtete Konsumerfahrungsspanne.
- Rechnerisch ergab das eine Zunahme des Lungenkrebsrisikos um 8% pro Jointjahr, verglichen mit 7% pro “Schachteljahr” bei Zigaretten. Das wurde dann vielfach als “ein Joint ist so schlimm wie 20 Zigaretten” dargestellt.
Die Studie ist online verfügbar. Was zuerst auffällt, ist die geringe Anzahl an Patienten, auf der obige Zahlen basieren: Nur 79 Patienten mit Lungenkrebs wurden befragt, darunter nur 21 Cannabiskonsumenten, 14 mit mehr als 10,5 Jointjahren. Damit gehört die Studie zu den kleineren, die sich mit diesem Thema befasst haben, dazu unten mehr.
Während die Studie schreibt “das Risiko von Lungenkrebs stieg um 8% (…) für jedes Jointjahr des Cannabisrauchens” und damit einen linearen Zusammenhang zwischen Konsum und Risiko nahelegt, zeigen die Zahlen bei den Cannabiskonsumenten mit dem niedrigsten bzw. dem mittleren Konsum ein relatives Risiko von 0,3 bzw. 0,5 (Nichtkonsumenten: 1,0). Das heisst, das Krebsrisiko bei diesen Cannabiskonsumenten war, traut man den Zahlen der Studie, rund dreimal niedriger bzw. halb so hoch als bei Nichtkonsumenten! Da es sich jedoch nur um drei bzw. vier Personen handelte, sind die Zahlen statistisch kaum aussagefähig.
Auch geht aus den Zahlen nicht hervor, wieviele Cannabiskonsumenten nur Cannabis rauchten und wieviele Cannabis und Tabak. Eine solche Aufteilung würde die Zahlen zu Cannabis aussagekräftiger machen, aber nur wenn eine ausreichende Anzahl von Patienten befragt worden wäre um noch aussagekräftige Zahlen zu haben.
Eine wesentlich umfangreichere Studie von Donald Tashkin von der Universität von Kalifornien in Los Angeles untersuchte 611 Lungenkrebspatienten und einer Kontrollgruppe von 1040 Personen ohne Lungenkrebs, deren Aufbau nach Alter, Geschlecht und Wohnort vergleichbar war. Diese beiden Gruppen waren also ca. 8-mal bzw. 3-mal so gross (Krebs bzw. Nicht-Krebs) als in der neuseeländischen Studie. Ihr Ergebnis:
“Wir fanden keinen positiven Zusammengang zwischen Cannabisgrbraucg — sogar schweren Langzeitgebrauch — und Lungenkrebs, nachdem wir für das Rauchen von Tabak und anderen möglichen Einflussfaktoren kontrollierten,” schlossen die Forscher. Weiterhin zeigten die Daten dass füre eine Untergruppe der m&auuml;ssigen Lebenszeitgebraucher (10 bis unter 30 Jointjahre) tatsächlich einen umgekehrten Zusammenhang zwischen Cannabisgebrauch und Lungenkrebs hatten. Die Studie berichtete von einem 20-fach höheren Risiko bei starken Tabakrauchern. [We did not observe a positive association of marijuana use — even heavy long-term use — with lung cancer, controlling for tobacco smoking and other potential cofounders,” investigators concluded. Their data further revealed that one subset of moderate lifetime users (10-<30 “joint years”) actually had an inverse association between cannabis use and lung cancer. The study did report a 20-fold increased risk in heavy tobacco smokers.]
Selbst wenn das Rauchen von Cannabis tatsächlich so schädlich wäre wie das Rauchen von Tabak, dann wäre das ein Argument für mehr gesundheitliche Aufklärung statt teurer Repression, die sich seit Jahrzenten als ungeeignet erwiesen hat, eine stetige Verbreitung des Cannabiskonsums zu verhindern.
Die staatliche Gesundheitspolitik könnte mehr erreichen, wenn sie Konsumenten von besonders riskanten Konsumformen abraten würde. Würde z.B. Cannabis vorwiegend ohne Tabak konsumiert, wie in Nordamerika üblich, dann könnte das das Abhängigkeitsrisiko durch Nikotin vermeiden und die Teerbelastung verringern. Weitgehend nutzlose Versuche, die THC-Aufnahme durch langes Inhalieren des Rauches zu steigern, sind in erster Linie eine Reaktion auf die hohen Preise der Schwarzmarktware und könnten durch Aufklärung vermieden werden.
Der Staat versucht durch Repression, die Auswahl für Konsumenten einzuschränken. Er will den Konsum so unattraktiv wie möglich zu machen. Die Auswahl beim Durchschnittsdealer in Deutschland ist denn auch im Vergleich zum Sortiment der Coffeeshops in den Niederlanden sehr beschränkt. Was der Durchschnittskonsument raucht, hängt weniger davon ab, was er mag, als wen er kennt. Das hat jedoch zur Folge, dass Konsumenten mangels Auswahl auch minderwertige, wirkstoffarme Ware rauchen. Weil damit zur Erzielung der gewünschten Wirkung mehr schädlicher, teerhaltiger Rauch in Kauf genommen werden muß, ist das besondes lungenbelastend. Konsumenten könnten bessere Entscheidungen für ihre Gesundheit treffen, wenn der THC-Gehalt von Cannabis bei staatlich kontrolliertem Handel auf der jeweiligen Verpackung stünde.
Auch neue Konsumtechniken könnten einen Beitrag zur Schadensminimierung leisten. Verschiedene Firmen haben Vaporizer zum rauchlosen Konsum von Cannabis entwickelt (Verdampfer), die Teer und andere Reizstoffe weitgehend vermeiden, doch ihr Besitz ist im größten Cannabismarkt der Welt – den USA – illegal. Seit 2005 ist in Kanada ein in wissenschaftlichen Studien getesteter rauchloser Inhalierer für Cannabisextrakte der Firma GW Pharmaceuticals zugelassen, der alle beschriebenen Risiken vermeidet. Doch nichtmedizinische Konsumenten werden ihn erst dann verwenden können, wenn Cannabis wieder legal ist. Sollten tatächlich Cannabisraucher aufgrund ihres Cananbiskonsums an Lungenkrebs sterben, dann wäre das kein Grund für das Weiterbestehen des Verbots, sondern eine traurige Folge davon.
Quelle: cannabislegal.de